Politik als Klingelton: Superpraktikanten und personelle Perspektivlosigkeit

Wie der Superpraktikant die personelle Perspektivlosigkeit Österreichischer Politik banalisiert.

Dass Österreichs Politik nur begrenzt personell erneuerungsfähig ist, ist bekannt. Ebenso geläufig sind die Versuche Österreichischer Politiker, Jugend zu suggerieren wo in Wahrheit Alter regiert. Die enden oft peinlich, etwa wenn Landtagsabgeordnete auf Youtube Weidegatterbestimmungen verteidigen oder ungelenke Parteifunktionäre im Wahlkampf tweeten wie der Hirschbraten schmeckt.

Meist bleiben solche politgeriatrischen Kommunikationsmanöver ebenso erfolglos wie unbemerkt, und daher harmlos. In 5 Tagen endet jedoch die erste Phase eines bemerkenswerten Versuchs, Österreichs Jugendlichen die fortgeschrittene politische Verkrustung als Krustenweckerl zu servieren und dabei die personelle Perspektivlosigkeit unserer Politik zu banalisieren.

Der Superpraktikant - ÖVP im Obama-blau

Seit sechs Wochen lockt eine in Obama-blau gehaltene Billigwebseite der ÖVP mit dem „begehrtesten Praktikum des Landes.“ In einer online Publikumswahl können sich Jung und Alt, aber bitte vor allem Jung, um „eine Woche an der Seite von Josef Pröll“ bewerben, inklusive Aprés-Pröll Skiurlaub im alpinen Hochriegel-Luxus.

Der für ÖVP-Verhältnisse ungewöhnlich basisdemokratische Prozess (vgl. dazu die Bestellung der Wiener Landesparteiführung) ist durch ein Juryurteil abgesichert, wodurch subversive Bewerbungen in erster Instanz unterbunden werden können. Schließlich ist das Vorhaben des derzeit erstgereihten Elektrorollstuhlfahrers Martin Habacher, den Finanzminister zwecks „Perspektivwechsel“ eine Woche lang in einem ergonomisch angepassten Rollstuhl herum schieben zu lassen, angesichts des ministerialen Leibesumfangs fiskal frivol. Ebenso gefährlich wäre es, die zweit-gereihte Falter-Journalistin Toth zum Schnitzelschupfen beim Bauernbund zu lassen.

PR-technisch ist die Inszenierung gelungen. Schade, nur, dass sich die ÖVP von Obama nur das Blau abgeschaut hat. Was man nämlich aus der Aktion über das Verhältnis einer Österreichischen Regierungspartei zum Thema Personalpolitik lernen kann ist ernüchternd.

Mit großen Buchstaben und mitleiderregenden Videos fragt die Superpraktikanten-Homepage, ob Jugendliche das „begehrteste Praktikum des Landes,“ „eine Woche in die Faszinierende Welt der Politik eintauchen” und „eine Woche an der Seite von Josef Pröll verbringen” wollen.

Diese Fragestellung stellt einen politischen Betrieb bloß, der mit herabgelassenen Hosen vor Diskotheken um Aufmerksamkeit buhlt.

Erstens täuscht man hier mit spaßigem Castingjargon darüber hinweg, dass es keine ernsthafte politische Personalpolitik gibt. Im Bereich der Nachwuchsarbeit sind sowohl Österreichs Großparteien wie auch der öffentliche Dienst zurückgeblieben. Im öffentlichen Dienst gibt es weder strukturierte Praktika noch transparente, beschleunigte Bewerbungsverfahren um hochqualifizierten Jungakademikern  den Dienst an der Öffentlichkeit schmackhaft zu machen. Modelle hierfür wären etwa der Fast-Track des Civil Service in England oder das Presidential Management Fellowship in den USA. Bis auf ein ausbeuterisches „Traineeship“ im Finanzministerium, das mit eineinhalb Jahren bei mickrigem Lohn wohl kaum Ausnahmetalente anlockt, sind Praktika nach wie vor Erbrecht. In den Parteien verlässt man sich lieber auf brave Parteijünglinge die zu dankbar sind um aufzumucken.

Zweitens vermarktet der Superpraktikant politisches Engagement als einwöchige Glamourerfahrung. Das ist besorgniserregend, denn die einzige nachhaltige Leistung des bislang ersten Österreichischen Glamourpolitikers – Karl Heinz Grasser – war es, quer durch den öffentlichen Sektor eine Spur von Finanzverbrechen und Steuervergehen zu hinterlassen die heute noch überrascht. Obwohl das BZÖ und seine Berater einst anderer Meinung waren: Politik ist keine Römerquellenorgie. Statt Luxus und Selbstbereicherung sollten der Dienst an der Gesellschaft und das Streben nach Fortschritt im Vordergrund  politischen Handelns stehen. Demokratische Politik soll durchlässiger werden, aber kein VIP Spektakel.

Der Glamourminister mit Begleitung

Drittens schafft es der Superpraktikantenklamauk nicht, die wahren Gründe für das fehlende  Engagement Österreichischer Jugendlicher in den traditionellen Kanälen der Politik anzusprechen: Die begründete Angst vor einer modernisierungsfeindlichen Funktionärskultur, zermürbendem Postenschacher und allgemeiner Perspektivlosigkeit.  Dass sich politische und intelligente junge Menschen davor nicht fürchten müssen wird von der ÖVP nicht kommuniziert, die nimmt uns lieber mit ins 5-Sterne Dampfbad.

BZÖ Römerquellenorgie

Schließlich werden junge Menschen von der ÖVP hier schlichtweg für dumm verkauft. Anstatt den politischen Nachwuchs dort abzuholen wo er derzeit steht – nämlich in den Schulen und Hörsälen ebenso wie protestierend auf den Straßen oder, mangels besserer Alternativen, in der Privatwirtschaft – und mit ernsthaften Angeboten zu überzeugen, wirbt man mit all-inclusive Skiurlaub und der Möglichkeit, den Bauch eines uninspirierenden Parteichefs zu kraulen. Stattdessen sollte man junge Österreicher nach Lösungsvorschlägen zu unterfinanzierter Bildung, explodierender Staatsschuld, vernachlässigter Einwanderungspolitik und halsbrecherischen Pensionserhöhungen fragen. Dazu gehört auch der Mut, sich die Antworten anzuhören – und da ist mit der Basisdemokratie meist wieder Schluss.

Superpraktikanten jedenfalls haben auf solche Fragen keine Antworten, weswegen die ÖVP ihnen gerne den Urlaub bezahlt. Statt Superpraktikanten braucht Österreich eine moderne politische Personalpolitik. Anstelle aber ernsthaft über Möglichkeiten nachzudenken, wie der politische Prozess für neue Ideen und Personen geöffnet werden kann, verkauft man ihn lieber als Klingelton.

2 Comments

Filed under Uncategorized

2 responses to “Politik als Klingelton: Superpraktikanten und personelle Perspektivlosigkeit

  1. m

    Wenn auch schon eher auf der politikgeriatrischen Seite angesiedelt, kann ich dir nur Recht geben. Ich finde, kein Land kann es sich leisten, es dem Zufall, vor allem aber den Beziehungen, zu überlassen die besten Köpfe der jungen Generation für die res publica zu begeistern, was nur gelingen wird, wenn man entsprechende Möglichkeiten der Mitgestaltung eröffnet. Die Vermusikantenstadelung österreichischer Politik beunruhigt und betrübt mich zutiefst. Dein blog ist ein Hoffnungsschimmer. M.

  2. b

    kann mich deinen zeilen nur vollinhaltlich anschließen. schöner artikel!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s